Die Zukunft der Altersversorgung: Bekämpfung von Privatisierung und Stärkung öffentlicher universeller Sozialversicherungssysteme
(Aussprache über ein aktuelles Thema ):
Martin Schirdewan, im Namen der GUE/NGL-Fraktion.
– Frau Präsidentin! Laut Eurostat, dem Statistikamt der Europäischen Union, sind mittlerweile schon gut zwanzig Prozent der europäischen Bevölkerung von Altersarmut bedroht oder sogar schon betroffen. Aber anstatt sich der realen Probleme im Rentensystem anzunehmen, klammern sich Kommission und auch die Mehrheit des Hauses, wie wir heute gehört haben, an dem Irrglauben fest, dass der Kapitalmarkt schon irgendwie für die Rentenvorsorge aufkommen könne. Das ist so, als würde man einem Zocker sein mühsam Erspartes anvertrauen, weil er gesagt hat, er bringe das sicher zur nächsten Bank, aber er hat vergessen zu erwähnen, dass auf dem Weg zu dieser Bank sein Casino liegt, und da kehrt er immer ein, um zu spielen.
Recherchen des investigativen Journalismus-Netzwerks Investigate Europe zeigen nämlich, wie auf europäischer Ebene die Finanzlobby der Kommission zugearbeitet hat, weil sie sich ein Wahnsinnsgeschäft mit der Rente verspricht. Im Ergebnis entstand dann eben dieses Pan-European Personal Pension Product, kurz PEPP, das eben nicht einmal den Mindestanforderungen an ein seriöses Vorsorgeprodukt genügt. Es gibt eben keine Garantie darauf, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher wieder das herausbekommen, was sie einbezahlt haben, und gleichzeitig wird der Markt für Hedgefonds und Asset-Manager geöffnet – getreu dem Motto: Frohes Zocken mit der Rente. Diese Politik setzt die Menschen den Launen des Kapitalmarkts aus und zwingt sie in der Konsequenz im Alter zum Flaschensammeln.
Beenden Sie diese falsche Politik! Arbeiten Sie mit uns an einem Europa des sozialen Schutzes! Streiten Sie mit uns für die Einführung eines europäischen Mindestlohns, einer europäischen Arbeitslosenversicherung und die Stärkung eines auf dem Solidarprinzip beruhenden Rentensystems.
hne Rückhalt in Deutschland, keine Führung in der EU
Zu dem Wahldebakel der CDU und den Folgen für den europapolitischen Kurs von Friedrich Merz, erklärt Martin Schirdewan, Fraktionsvorsitzender der Linken im Europäischen Parlament:
„Merz ist europapolitisch als Tiger gestartet und als Teppichvorleger gelandet. Nach den Wahlniederlagen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kündigt er trotzdem ein ‚Weiter so‘ an.
Dabei zeigt gerade Berlin: Wahlen werden mit den sozialen Fragen des Alltags gewonnen. Die Linke hat mit bezahlbarem Wohnen und dem Kampf gegen steigende Mieten gewonnen. Wer nach solchen Ergebnissen einfach weitermachen will, hat die Botschaft der Wähler:innen nicht verstanden.
Das gilt auch für Ursula von der Leyen. Während sich die EU mit Milliarden für Aufrüstung verschuldet, fehlt Geld für Wohnen, soziale Sicherheit und Klimaschutz. Deutschland und die EU brauchen einen sozialen Kurswechsel statt einem ‚Weiter so‘.
Zum heutigen Auftakt des Revisionsverfahrens gegen Maja T. in Ungarn erklärt Martin Schirdewan, Vorsitzender der Linksfraktion im Europäischen Parlament:
„Der heutige Prozesstag hat erneut deutlich gemacht, dass die erhobenen Vorwürfe gegen Maja T. auf einer mangelhaften Beweislage beruhen. Majas Anwalt hat ausführlich dargestellt, dass das Urteil zu acht Jahren Haft im Zuchthaus sich auf eine lückenhafte und auf Indizien beruhende Anklage stützt. Die ungarische Staatsanwaltschaft hält unbeirrt an ihrem bisherigen Kurs eines politischen Schauprozesses fest und fordert die Erhöhung des Strafmaßes auf mindestens 13 Jahre. Damit zeigt sie das ganze Ausmaß der politischen Kriminalisierung von Antifaschist*innen in Ungarn, trotz des Regierungswechsels und der vorgeblichen Bemühungen um eine unabhängige Justiz.
Maja sitzt seit mehr als zwei Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen in ungarischer Haft. Bereits vor Prozessbeginn haben zahlreiche Antifaschist*innen vor dem Gerichtsgebäude ihre Solidarität mit Maja gezeigt und gegen das Vorgehen der ungarischen Justiz protestiert. Die Bundesregierung darf nicht länger tatenlos zuschauen. Sie muss jetzt alle politischen und diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen, um Maja nach Deutschland zurückzuholen und ein faires Verfahren zu ermöglichen.“
Das Revisionsurteil wird für den 30. September erwartet. Martin Schirdewan wird in Budapest im Gerichtssaal anwesend sein.
Während die Menschen an der Tankstelle von den Ölkonzernen abgezockt werden, verbringen die Finanzminister:innen ihre Zeit mit Reden. Sie müssen endlich handeln, gegen die skrupellose Preistreiberei der Konzerne vorgehen und die Menschen wirksam entlasten. Mit einer EU-weiten Übergewinnsteuer können wir diese Krisengewinne abschöpfen und gezielt nutzen, um insbesondere Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zu entlasten. Wir als Linke fordern das seit Jahren. Dass sich diese Einsicht nun langsam auch bei den anderen durchsetzt, ist überfällig. Die Möglichkeiten liegen auf dem Tisch. Was fehlt, ist der politische Wille.“
„Wer von Ursula von der Leyen heute Antworten auf die sozialen Probleme in Europa erwartet hatte, wurde enttäuscht. Gerade Menschen, die jeden Monat mit hohen Mieten, Lebensmittel- und Energiepreisen kämpfen, brauchen spürbare Entlastungen. Stattdessen setzt die Kommissionspräsidentin weiter auf die alten Rezepte aus Wettbewerbsfähigkeit und Deregulierung. Was fehlt, ist eine klare soziale Antwort: Umverteilung von oben nach unten. Wie immer fehlt ihr der Mut, sich mit den mächtigen Konzernen anzulegen, wir brauchen jetzt eine Digitalsteuer und eine Übergewinnsteuer für Rüstungs- und Energie-Multis. Von der Leyen will in den nächsten Jahren Milliarden in Aufrüstung stecken und preist gleichzeitig Haushaltsdisziplin an. Das bedeutet zwangsläufig: An anderer Stelle wird gespart. Dann fehlt das Geld für Soziales, Wohnen, Umwelt oder Bildung.
Für Frau von der Leyen mögen leere Versprechen und gratismutige Reden zur Zukunft der EU reichen, um den Tag im EU-Parlament zu bestehen. Es reicht aber nicht, um die Demokratie in der EU zu schützen. Vor den wegweisenden Wahlen in Frankreich, Italien und Spanien werden ihre heutigen Worthülsen morgen schon von den Alltagssorgen der Menschen eingeholt. Wer seinen Glauben an die EU so häufig beschwören muss wie Ursula von der Leyen heute in ihrer SOTEU-Rede, hat ihn längst verloren.“
„Wenn Ursula von der Leyen über die Zukunft Europas spricht, darf sie nicht wieder an der Lebensrealität der Menschen vorbeireden. Wer Milliarden für Aufrüstung mobilisiert, aber bei bezahlbarem Wohnen und sozialer Sicherheit spart, setzt schlicht die falschen Prioritäten.
Auch bei Handel und Technologie fehlt es an einem klaren Kurs. Europa darf weder vor Donald Trump kuschen noch blind dem nächsten Freihandelsabkommen hinterherlaufen. Während selbst Tech-Milliardäre vor den Gefahren unkontrollierter KI warnen, hat die Kommission darauf weiterhin keine überzeugende Antwort.
Europa braucht keinen Aufrüstungshaushalt, sondern einen Sozialhaushalt. Sonst ist Ursula von der Leyens Politik vor allem eines: Wasser auf die Mühlen der extremen Rechten.“
Die Wohnkrise braucht entschiedenes Vorgehen, keine Empfehlungen
„Während die Wohnkrise in Europe immer größer wird, ist der Vorschlag der EU-Kommission ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Linke begrüßt, dass es endlich eine gesetzliche Grundlage geben soll Airbnb zu regulieren. Der Vorschlag verhindert allerdings eine flächendeckende Anwendung. Gleichzeitig bläht er die Verwaltung auf, anstatt sie zu entlasten.
Die Linke im Europäischen Parlament will mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Wir fordern einen europäischen Plan für öffentlichen und sozialen Wohnungsbau mit verbindlichen Sozialwohnungsquoten und einem konsequenten Mietendeckel. Wohnen ist Menschenrecht und kein Finanzprodukt – das bedeutet im Notfall auch die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne und dauerhaft leerstehender Wohnungen.“
Die Linke macht die Reformpolitik der Bundesregierung für den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt verantwortlich. Gleichzeitig betonte der EU-Abgeordnete Martin Schirdewan, seine Partei sei bereit, Verantwortung für das Land zu übernehmen.
Bei der Linken im EU-Parlament stößt der von Berlin und Brüssel anvisierte Kurs auf scharfe Kritik. »Die EU braucht weder eine neue, von Deutschland angeführte Sparpolitik noch einen Haushalt als Subventionstopf für Rüstungs- und Großkonzerne«, kritisierte der Fraktionsvorsitzende Martin Schirdewan auf nd‑Anfrage. »Wir wollen einen höheren EU-Haushalt – für Soziales, Klimaschutz, Bildung und das Zusammenwachsen Europas«, unterstrich er. Finanzieren ließe sich dies aus seiner Sicht durch eine europäische Übergewinnsteuer für Energie- und Rüstungskonzerne. Zudem würde eine Digitalsteuer für Techkonzerne wie Google Milliarden einbringen. »Dann gibt es mehr Geld für die Menschen und ein paar Milliarden niedrigere Dividenden für die Aktionäre der Großkonzerne«, erklärte er.
Auf der letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause, im Juli, hat das Europäische Parlament mit deutlicher Mehrheit entschieden, dass die rechtsextreme europäische Dachpartei »Europa der Souveränen Nationen« (ESN) überprüft wird auf die Einhaltung der EU-Grundwerte. Ist das so ein Punkt, den Sie gerade meinten, als Sie von einer antifaschistischen Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg gesprochen haben?
Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das ist wirklich ein großer Erfolg, wenn auch erst mal nur symbolisch. Es ist uns gelungen, eine Mehrheit zu organisieren, nachdem ein Bericht der Behörde für Europäische Parteien und Stiftungen vorgelegt wurde, der auf 300 Seiten Belege auflistet, dass diese ESN, also die europäische Partei der AfD, Politik betreibt, die sich vor allem auf Hass, Hetze, Antisemitismus, Rassismus konzentriert. Meine Ko-Vorsitzende Manon Aubry und ich haben sofort reagiert und einen Brief an die Parlamentspräsidentin Roberta Metsola geschrieben, um die entsprechenden Originalmaterialien zu bekommen, um sie dem Parlament zur Verfügung zu stellen. Danach haben wir gemeinsam mit Sozialdemokraten und Grünen hier im Europäischen Parlament die zur Einleitung des Verfahrens notwendigen Unterschriften zusammengetragen. Bei der Abstimmung im Plenum haben dann auch viele Liberale und große Teile der konservativen Fraktion für eine Überprüfung der ESN gestimmt. Das war ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man antifaschistische Politik über Parteigrenzen hinweg organisieren kann.
Zum heute veröffentlichten Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Europaparlaments zur Immobilienspekulation erklärt Martin Schirdewan, Mitglied des Sonderausschusses zur Wohnraumkrise (HOUS) und Vorsitzender der Linksfraktion im Europaparlament:
„Die EU bietet nicht viel mehr als warme Worte im Kampf gegen Spekulation am Wohnungsmarkt. Darauf macht die Linke schon lange aufmerksam. Nun bestätigt es auch der Wissenschaftsdienst des Europäischen Parlaments.
Durch politische Untätigkeit haben sich bei Wohnungsunternehmen perfide Business-Strategien gefestigt. Sie setzen systematisch auf Immobilien als Investitionsanlage zur maximalen Profitsteigerung und auf das Rausekeln von Mietern. Das sind Geschäftsmodelle, die gänzlich vom eigentlichen Wohnungswert entkoppelt sind. Das zeigt auch der Bericht auf.
Dem Preistreiben mit einem Menschenrecht auf Wohnen muss endlich ein Ende gesetzt werden. Doch Friedrich Merz sieht die Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen als Feind. Statt endlich die Ursachen anzugehen, regiert er weiter an den Ursachen der Wohnungskrise vorbei.
Die Beteiligung spekulativer Finanzakteure am Wohnungsmarkt muss verboten werden. Wir brauchen ein europaweites Transparenzregister für Immobilientransaktionen, um der wachsenden Marktmacht von Investmentfonds im Wohnungssektor wirksam entgegenzutreten. Ebenso braucht es einen konsequenten Mietendeckel und starken Mieterschutz vor Mieterhöhungen und Räumungen.“